Interview mit Dr. Eric Bernhard, ISR Interseroh Rohstoffe GmbH

Der weite Weg nach Asien

29.08.2008 - Der Name ist Programm: Interseroh setzt sich zusammen aus "international" und "Sekundärrohstoffe". Aufbereitung und weltweiter Handel von Sekundärrohstoffen gehören zum Kerngeschäft von Interseroh. Gebündelt sind die Aktivitäten im Altpapier-, Altkunststoff- und Altholzbereich in der ISR Interseroh Rohstoffe GmbH (ISR) als einem der drei Segmente der Interseroh AG neben den Geschäftsfeldern Dienstleistungen und Stahl- und Metallrecycling. Interseroh-News sprach mit ISR-Geschäftsführer Dr. Eric Bernhard.
Interview mit Dr. Eric Bernhard, ISR Interseroh Rohstoffe GmbH

29.08.2008 – Der Name ist Programm: Interseroh setzt sich zusammen aus „international“ und „Sekundärrohstoffe“. Aufbereitung und weltweiter Handel von Sekundärrohstoffen gehören zum Kerngeschäft von Interseroh. Gebündelt sind die Aktivitäten im Altpapier-, Altkunststoff- und Altholzbereich in der ISR Interseroh Rohstoffe GmbH (ISR) als einem der drei Segmente der Interseroh AG neben den Geschäftsfeldern Dienstleistungen und Stahl- und Metallrecycling. Interseroh-News sprach mit ISR-Geschäftsführer Dr. Eric Bernhard.

Interseroh-News: In der Vergangenheit ist häufig negativ über Abfallexporte aus Europa berichtet worden…
Dr. Eric Bernhard: Wir exportieren keinen Abfall, sondern Rohstoffe. Das ist ein entscheidender Unterschied. Altpapier und Altkunststoffe sind, wie auch Schrott, international gehandelte Waren, aus denen zum Beispiel in Papierfabriken oder in der Textilindustrie neue Produkte entstehen. Die weltweite Knappheit an Rohstoffen hat dazu geführt, dass die sogenannten Sekundärrohstoffe heute gleichberechtigt neben den primären Rohstoffen wie Holz oder Erdöl stehen und international nachgefragt werden.

Sekundärrohstoffe vagabundieren rund um den Globus?
Das muss man sich anders vorstellen. Es existieren drei globale Recycling-Routen, nämlich von Europa nach Asien, von den USA nach Asien und von Japan zum asiatischen Festland – also immer von den hochentwickelten Industrieländern mit hoher Sammelmenge von wiederverwendbaren Altstoffen zum aufstrebenden Wirtschaftsraum Südostasien, wo der Pro-Kopf-Verbrauch, die industrielle Produktion und damit der Rohstoffbedarf rasant ansteigen. Zwischen Nordamerika, Europa und Japan gibt es praktisch keinen Handel mit Sekundärrohstoffen.

Wieso spricht man dann von Recycling-Kreisläufen?
Computer aus China, Fernseher aus Taiwan, Bekleidung aus Indien – alles kommt übers Meer in Containerschiffen. Und all diese Produkte sind in Kunststofffolien und Kartons verpackt. Hier in Europa werden sie verkauft und ausgepackt. Die Verpackungen werden gesammelt und gelangen als Rohstoff zum Teil wieder per Seecontainer nach Fernost, wo sie in Papierfabriken oder von Kunststoffverarbeitern gebraucht werden, auch für neue Verpackungen. Der Kreis schließt sich also.

Ist eine Seefracht über solche Entfernungen nicht viel zu teuer?
Viele der Seecontainer, in denen Waren zu uns geliefert werden, müssten leer nach Asien zurückfahren, da sie erst dort wieder mit Konsumgütern für die westlichen Länder befüllt werden. Durch die Sekundärrohstofflieferungen werden letztlich unnötige Leerfahrten vermieden. Ein Container von Hamburg nach Asien ist damit nicht teurer als eine Lkw-Ladung nach Süddeutschland.

Sind Transporte von Altpapier um die halbe Welt nicht klimaschädlich?
Im Gegenteil, die CO2-Studie, die Interseroh vom Fraunhofer-Institut UMSICHT erstellen ließ, ergab, dass selbst unter Berücksichtigung des zunehmenden Fernost-Handels im Altpapier- und Altkunststoffbereich der Einsatz von Sekundärrohstoffen anstelle von Primärrohstoffen hilft, Kohlendioxid-Emissionen einzusparen. Die Vermeidung von Leertransporten ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Wie schafft ein deutsches Recycling-Unternehmen den Einstieg in solche internationalen Geschäfte?
In den Anfangsjahren von Interseroh ging es in erster Linie darum, die im Dienstleistungsbereich in Deutschland erfassten gebrauchten Verpackungen als Rohstoff zu vermarkten. Dann haben wir den Rohstoffbereich kontinuierlich ausgebaut, zum einen durch den Erwerb bzw. den Aufbau operativer Standorte, an denen Mengen gebündelt und aufbereitet werden. Zum anderen durch die Ausweitung unseres Lieferantenportfolios auf den europäischen Markt. Inzwischen erwirbt die ISR fast drei Viertel ihrer Altpapiertonnage im europäischen Ausland. So konnten wir uns eine relevante Marktposition in Frankreich, im Benelux-Raum und in Italien erarbeiten und verfügen über Lieferanten in zahlreichen weiteren Ländern – insbesondere solche mit Seehafenzugang, wie etwa Spanien, Griechenland oder die Türkei. Gleichzeitig ist die Nachfrage aus dem Ausland, besonders aus Asien, in den letzten Jahren stark gestiegen. Seit dem ersten Halbjahr 2008 gehören wir zu den drei größten Altpapierexporteuren Europas.

Mengen bündeln – was bringt das?
Sekundärrohstoffe entstehen an vielen kleinen Anfallstellen. Unsere Lieferanten aus der europäischen Entsorgungswirtschaft haben daher oft nur geringe Mengen an Altpapier und Altkunststoffen im Zugriff. Die Abnehmer, etwa in der Papierindustrie, sind an viel größeren Mengen interessiert. Wenn wir kleine Mengen zu großen Stoffströmen bündeln, können wir unseren Lieferanten helfen, am Weltmarkt dieser Materialströme teilzuhaben.

Die Menge macht’s also?
Ja, mit einem kontinuierlichen Angebot größerer Mengen sind wir für die Abnehmer weltweit interessanter. Auch die Transportlogistik über große Strecken und mit großen Tonnagen können wir effizienter und damit kostengünstiger organisieren. Unsere Abnehmer in Asien beliefern wir direkt, ohne Zwischenhandel. Mittlerweile ist unser Transportvolumen so groß, dass wir Seecontainer direkt bei Reedereien buchen. Durch unsere Mengenbündelung können wir handfeste Synergien erwirtschaften. Dabei achten wir permanent auf Möglichkeiten der Logistikoptimierung.


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