Maria Krautzberger (UBA) im Interview

„Der Bessere soll es machen“

Die privaten Entsorger sind unverzichtbar, um die Innovationskraft in Deutschland zu erhalten. Davon ist die Präsidentin des Umweltbundesamtes überzeugt.
Maria Krautzberger (UBA) im Interview

11.09.2014 – Aus Sicht des Umweltschutzes ist es gleichgültig, ob die Kreislaufwirtschaft privatwirtschaftlich oder staatlich geschieht, erklärt Maria Krautzberger im Interview mit recyclingnews. Die neue Präsidentin des Umweltbundesamtes wünscht sich, dass Kommunen und Wirtschaft besser kooperieren. Ein wichtiger Faktor sei dabei die Innovationskraft der privaten Entsorgungsbranche.

Frau Krautzberger, Sie sind gut 100 Tage im Amt. Da ist es zumindest bei Politikern gang und gäbe, eine erste Bilanz zu ziehen. Wo konnten Sie als „Deutschlands oberste Umweltschützerin“, wie die Medien Sie betitelten, bereits erste Erfolge verbuchen?

Maria Krautzberger: Naja, die oberste Umweltschützerin ist die Ministerin – außerdem mag ich diesen Titel eigentlich nicht. Es geht beim Umweltschutz weniger um oben und unten als um gute Zusammenarbeit. Und neben dem Bund tun Länder und Kommunen vor Ort viel für den Umweltschutz. Zurück zum Kern der Frage: Das Thema mit der größten Aufmerksamkeit war auf jeden Fall Fracking. Hier haben wir im Juli unser zweites Gutachten vorgestellt. Es unterstreicht noch einmal, dass eine strenge gesetzliche Regulierung hier unbedingt nötig ist. Und daran arbeiten das Umwelt- und das Wirtschaftministerium. Wir sind da eng eingebunden. Solange wir die vielen Risiken der Technologie nicht sicher beherrschen, sollte es in Deutschland kein Fracking zur Förderung von Schiefer- und Kohleflözgas geben. Das zweite große Thema war die Luft. Das ist ein Dauerbrenner. Unsere Luftdaten zeigen zwar, dass die Luft in den vergangenen zwanzig Jahren viel sauberer geworden ist. Dennoch ist mehr als ein Drittel der Menschen zu hohen Schadstoffbelastungen ausgesetzt. Es besteht also Handlungsbedarf. Hier ist vor allem die EU gefragt – langfristig kommen wir nicht umhin, die Grenzwerte deutlich zu verschärfen.

Um der zunehmenden Rohstoffknappheit zu begegnen, wollen Sie unter anderem das werkstoffliche Recycling verbessern. Müsste die Politik nicht zugleich die Rahmenbedingungen schaffen, um der Wirtschaft Investitionen in Hightech-Verwertungsverfahren zu erleichtern?

Maria Krautzberger: Wenn der Staat die Recyclingquoten hoch setzt, ist das ein starker Anreiz, mehr Abfälle werkstofflich zu verwerten. In einigen Bereichen klappt das Recycling auf hohem Niveau, etwa bei Altglas und Altpapier. Bei den Kunststoffen hinken wir leider etwas hinterher – mein Vorschlag ist, dass die Recyclingquoten nicht nur anspruchsvoller werden, sondern sich am Stand der Technik orientieren. Wir nennen das „selbstlernende Quoten“.

Auch die Kunststofftrennung von anderen Abfällen ist wichtig. Nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz wird sie ab 2015 zur Pflicht. Wir sollten übrigens schon bei der Produktentwicklung daran denken, dass weder das Design noch die Inhaltsstoffe eine spätere Verwertung verhindern. Und bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern müssen wir wohl besser dafür werben, wenn wir wiederaufgearbeitete Kunststoffabfälle in neuen Produkten einsetzen. In manchen Bereichen klappt das – niemand würde eine moderne Tragetasche im Regal liegen lassen, nur weil sie aus PET-Flaschen hergestellt ist. Dennoch gibt es von Herstellerseite teilweise Vorbehalte gegenüber recycelten Materialien. Einige fürchten zu Unrecht um das Erscheinungsbild und die Leistungsfähigkeit ihrer Produkte.

Wie müsste eine funktionierende Kreislaufwirtschaft beschaffen sein, die die Interessen und Stärken von Kommunen und privater Entsorgungsbranche gleichermaßen berücksichtigt?

Maria Krautzberger: Die Kreislaufwirtschaft funktioniert, wenn man die berühmte Abfallwirtschaftshierarchie ernst nimmt. Also: Zunächst gilt es, Abfall möglichst zu vermeiden. Müll, der trotzdem anfällt, sollte in erster Linie wiederverwendet werden. Das gilt besonders für Altgeräte, egal ob Auto, Kühlschrank oder elektrische Zahnbürste. Außerdem muss das Recycling gestärkt werden, vor allem durch Mülltrennung. Abfälle, die sich stofflich wirklich nicht verwerten lassen, sollten wir hochwertig energetisch nutzen. Aus Sicht des Umweltschutzes ist es erst einmal unwichtig, ob das nun privatwirtschaftlich oder staatlich geschieht. Ich wünsche mir auch, dass Kommunen und private Entsorgungsbetriebe besser kooperieren, um Kenntnisse und Kapazitäten voll auszunutzen. Und wenn einer besser ist, dann sollte er das auch machen – egal ob privates Unternehmen oder öffentlicher Betrieb.

Es ist ja ein Verdienst der privaten Entsorger, selbst komplexe Abfälle wie Mischkunststoffe heute in Neuware-Qualität recyceln zu können. Besteht nicht die Gefahr, dass ein Teil dieser Innovationskraft bei einer möglichen Rekommunalisierung verlorengeht?

Maria Krautzberger: Das wollen wir verhindern. Beim Bau und Betrieb teilweise hoch komplexer Verwertungsanlagen sind die privaten Entsorger wichtig, auch um die Innovationskraft zu erhalten. Aufgabe des Staates wiederum ist, diese Innovationen zu ermöglichen und durch einen praxisnahen Rechtsrahmen zu fördern. Für uns stehen dabei natürlich die Umweltschutzziele im Vordergrund. Ihre Durchsetzung ist von der Ausgestaltung gesetzlicher Maßnahmen abhängig, also zum Beispiel von Vorgaben für Sammel- und Recyclingquoten oder der Schaffung von mehr Transparenz.

Wohin geht aus Ihrer Sicht der Trend in puncto Nachhaltigkeit? Sind die Menschen bereit, mehr für die Umwelt zu tun?

Maria Krautzberger: Unsere Umfragen zeigen schon seit Jahren: Das Umweltbewusstsein ist hoch, manchmal fehlt aber noch der Antrieb, das im Alltag umzusetzen, was möglich und nötig wäre. Umweltschutz ist auch kompliziert, keine Frage. Aber die Deutschen machen das schon sehr gut. Immer mehr Haushalte beziehen freiwillig Ökostrom oder investieren selber in erneuerbare Energien. Car-Sharing boomt, gerade in den Großstädten. Ich erkenne darin einen Bewusstseinswandel, gerade bei jüngeren Menschen, für die das Auto kein Statussymbol mehr ist. Das ist gut, denn im Verkehrssektor sind die Klimaemissionen jüngst wieder angestiegen. Ein Thema liegt mir besonders am Herzen: Das Essen. Was wir einkaufen, woher es kommt, wie es produziert wurde, das bestimmt ganz entscheidend unsere persönliche Umweltbilanz. Und leider werfen wir in Deutschland immer noch zu viele Lebensmittel weg – das muss sich ändern.

Sehr geehrte Frau Krautzberger, vielen Dank für das Gespräch. (KR)

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(Foto: Photostudio D29)


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