Claude Turmes, EU-Abgeordneter der Grünen
EU-Abgeordneter der Grünen Claude Turmes im Interview

13.08.2015 – Vier Schritte zur Ressourceneffizienz in Europa

Ein ambitioniertes EU-Kreislaufwirtschaftspaket kann 2 Millionen Arbeitsplätze schaffen, sagt Claude Turmes, EU-Abgeordneter der Grünen, im Interview.
EU-Abgeordneter der Grünen Claude Turmes im Interview

Vier Schritte zur Ressourceneffizienz in Europa

13.08.2015 – Recycling bietet große Chancen für die Umwelt, die Wirtschaft und die Gesellschaft in Europa. Müllverbrennung hingegen darf nur die letzte Option sein, falls eine Wiederverwertung nicht mehr möglich ist. Das sind zwei Kernaussagen der luxemburgischen grünen Partei Déi Gréng in einer Pressemitteilung von Juli 2015. In dem Schreiben fordert der grüne EU-Abgeordnete Claude Turmes die Juncker-Kommission konkret auf, zügig ein konkretes, ambitioniertes Kreislaufwirtschaftspaket vorzulegen, um von den Vorteilen zu profitieren. Im Interview mit recyclingnews benennt Claude Turmes vier Kernelemente einer wegweisenden europäischen Kreislaufwirtschaft.

Herr Turmes, welchen Nutzen kann ein neues Kreislaufwirtschaftspaket im Optimalfall für Europa haben?
Claude Turmes: Wir wissen, dass die Nachfrage für begrenzte und teilweise immer knapper werdende Ressourcen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter zunehmen wird. Ursache hierfür ist eine Kombination aus Bevölkerungswachstum, gestiegenen Einkommen, einer höheren Produktvielfalt und einer geringeren Produktlebensdauer. Durch den steigenden Druck auf begrenzte Ressourcen nimmt auch die Umwelt stärkeren Schaden. Wenn wir unter diesen Bedingungen auch in Zukunft unseren hohen Lebensstandard erhalten und wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann müssen wir so viel wie möglich aus unseren Ressourcen herausholen. Das heißt, wir müssen sie wieder einer produktiven Verwendung zuführen, und wir dürfen sie nicht als Abfall in Deponien vergraben.

Die Vorschläge, die wir im Europaparlament vor einigen Wochen angenommen haben, könnten der europäischen Wirtschaft jährliche Einsparungen in Höhe von rund 600 Milliarden Euro bringen. Dies ist beispielsweise fünfmal mehr, als die optimistischsten Prognosen für das Freihandelsabkommen TTIP mit den Vereinigten Staaten vorhersagen. Die Steigerung der Ressourceneffizienz bis 2030 könnte außerdem das europäische Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent steigern und zwei Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Ein ambitionierter und konsequenter Umstieg auf die Kreislaufwirtschaft könnte in Europa also nicht nur unsere Umwelt schützen, sondern auch Innovation und Beschäftigung fördern.

Wie kommt die enorme Zahl von 600 Milliarden Euro zustande und was muss geschehen, damit wir dieses Ziel erreichen?
Claude Turmes: Ich beziehe mich auf Schätzungen, die von Experten im Rahmen einer Impact-Studie für die EU-Kommission ermittelt wurden. Die fortlaufende Rückführung von Ressourcen zur produktiven Nutzung, die Reduzierung des Abfallaufkommens und die Verringerung der Abhängigkeit von unsicheren Lieferquellen führen zur Verbesserung der Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft. Es gibt eine breite Palette bewährter Maßnahmen zur Förderung der Ressourceneffizienz, die sich als lohnend erwiesen haben, und wir müssen dafür sorgen, dass diese in Zukunft systematischer angewandt werden.

Konkret: Welche Schritte müssen eingeleitet werden, um Recycling und Ressourceneffizienz in Europa entscheidend voranzutreiben?
Claude Turmes: Meiner Meinung nach sind vier Elemente besonders wichtig.

Erstens müssen wir beim Abfallmanagement dringend etwas ändern. Europa ist in einem System gefangen, in dem wertvolle Materialien, von denen viele hohe ökologische und soziale Kosten verursachen, auf Deponien oder in Müllverbrennungsanlagen landen. Das Europaparlament fordert deshalb ein verbindlich vorgeschriebenes Verbot der Deponierung bis 2030. Gleichzeitig soll auch die Verbrennung wiederverwertbarer und kompostierbarer Abfälle in ganz Europa bis 2020 enden. Dadurch wird das schlichte Wegwerfen von Rohstoffen teurer und Recycling lohnt sich.

Zweitens müssen giftige Substanzen aus der Produktion verschwinden und die Entwicklung von schadstofffreien Kreisläufen muss angekurbelt werden. Drittens gibt es auch beim Produktdesign Bedarf für Veränderungen. Die Lebensdauer, die Wiederverwendbarkeit und das Recycling von Produkten muss verbessert werden. Am Ende des Lebenszyklus sollten Produkte in ihre Ausgangsmaterialien zerlegt werden können, um wieder in den Materialkreislauf eingehen zu können. Dies gilt für Alltagsprodukte wie Smartphones, die man in Zukunft modular designen könnte, um es beispielsweise den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu ermöglichen, einzelne Komponenten jederzeit gegen neuere und bessere austauschen. In diesem Bereich gibt es bereits Pilotprojekte, die vielversprechend aussehen. Aber auch Gebäude sollten in Zukunft so gebaut werden, dass sie am Ende des Lebenszyklus wieder „dekonstruiert“ und die Baumaterialien wiederverwendet werden können.

Und viertens müssen auch neue Geschäftsmodelle für die Kreislaufwirtschaft entwickelt werden. Schon heute gibt es große Reifenhersteller, die ihre Reifen nicht mehr verkaufen, sondern verleasen und gleichzeitig die Wartung über den gesamten Lebenszyklus garantieren. Die Hersteller profitieren davon, weil sie die wertvollen Rohstoffe in den Produkten nach der Benutzung wiederbekommen und produktiv weiternutzen können. Und die Verbraucher profitieren davon, weil die Qualität der Produkte durch konstante Wartung verbessert wird und die Produkte länger halten. Entwicklungen wie Car- und Fahrrad-Sharing sind für die Kreislaufwirtschaft ebenfalls interessant und heute schon gesellschaftliche Realität. Diese Veränderungen in unseren Nutzungsgewohnheiten bieten interessanten Chancen für Verbraucher, Hersteller, aber auch für das Banken- und Versicherungswesen. Jetzt müssen aber die politischen Entscheidungsträger rechtzeitig aktiv werden und einen adäquaten rechtlichen Rahmen schaffen.

Welche Rolle spielt Deutschland mit seinem Recycling-Know-how dabei für die anderen Mitgliedstaaten?
Claude Turmes: Lange Zeit wurde Deutschland als Recycling-Weltmeister gefeiert. Wenn man sich die Zahlen aber genauer anschaut, dann muss man diese Feststellung relativieren. Zwar wird der Müll sehr sorgfältig sortiert, aber die tatsächliche Recyclingquote fällt weitaus geringer aus.

Nehmen wir das Beispiel der Plastikabfälle: In Deutschland werden mehr als 90 Prozent der Plastikabfälle wieder eingesammelt, allerdings werden nur 43 Prozent davon auch recycelt und anschließend wiederverwertet. Weit mehr als die Hälfte der Abfälle landen dagegen in Müllverbrennungsanlagen. Wenn wir ein funktionierendes Kreislaufwirtschaftsmodell aufbauen wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass Rohstoffe möglichst lange im Kreislauf bleiben. In diesem Szenario kann die Müllverbrennung nur als letzte Option fungieren, wenn die Wiederverwertung nicht mehr möglich ist.

Alles hängt vom politischen Willen der Entscheidungsträger in Deutschland ab. Wenn der Wille da ist, dann kann Deutschland schnell nennenswerte Fortschritte bei seiner Recyclingquote erzielen. Und schließlich ist es das Land der Ingenieure – und somit bestens aufgestellt, um auch in Bereichen wie etwa dem Produktdesign eine Vorreiterrolle einzunehmen!

Herr Turmes, vielen Dank für das Gespräch. (KR)

Verwandte Artikel

1. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks zur Bedeutung der Recyclingwirtschaft für Klimaschutz und Ressourceneffizienz
2. EU-Umweltkommissar Karmenu Vella im Interview
3. Janez Potocnik: „Europa braucht klare Recyclingziele“

(Foto: Déi Gréng)


Artikel drucken Artikel drucken