Altglas lässt sich sehr gut wiederverwerten, doch mangelnde Sorgfalt bei der Sammlung und abnehmende Mengen erschweren das Recycling

Unachtsamkeit verursacht hohen Aufwand

03.02.2011 - Oh doch, man kann sehr wohl vor einem Scherbenhaufen stehen und froh darüber sein. Zumindest dann, wenn es sich um einen solchen im wahrsten Sinne des Wortes handelt – wie auf dem Glas-Recyclinghof in Velten. Was hier Tag für Tag von LKW an Altglas – zwischen 700 und 800 Tonnen – an- und abgeliefert wird, ist schließlich ein kostbarer Rohstoff. "Glas", ruft Bernd Rippchen in Erinnerung, "lässt sich zu hundert Prozent wiederverwerten, ohne dabei irgendeinen Qualitätsverlust zu erleiden. Es kann beliebig oft eingeschmolzen und zu neuen Produkten verarbeitet werden."
Altglas lässt sich sehr gut wiederverwerten, doch mangelnde Sorgfalt bei der Sammlung und abnehmende Mengen erschweren das Recycling

03.02.2011 – Oh doch, man kann sehr wohl vor einem Scherbenhaufen stehen und froh darüber sein. Zumindest dann, wenn es sich um einen solchen im wahrsten Sinne des Wortes handelt – wie auf dem Glas-Recyclinghof in Velten. Was hier Tag für Tag von LKW an Altglas – zwischen 700 und 800 Tonnen – an- und abgeliefert wird, ist schließlich ein kostbarer Rohstoff. „Glas“, ruft Bernd Rippchen in Erinnerung, „lässt sich zu hundert Prozent wiederverwerten, ohne dabei irgendeinen Qualitätsverlust zu erleiden. Es kann beliebig oft eingeschmolzen und zu neuen Produkten verarbeitet werden.“

Bernd Rippchen kennt sich aus in dieser Materie. Seit die Veltener Anlage der ALBA Glas-Recycling GmbH 1994 in Betrieb ging, ist er ihr Chef. Die Verarbeitung von mittlerweile etwa sechs Millionen Tonnen Flaschen und Gläsern hat er mit gesteuert und überwacht. Eine Menge, die laut Rippchen die dreispurige Autobahn von Berlin bis München mit dicht an dicht stehenden LKW füllen würde.

Was hier am Berliner Ring den Anfang nimmt, ist ein volkswirtschaftlich bedeutender Prozess. Altglas ist schließlich der wichtigste Rohstoff für neue Glasverpackungen. Jede in Deutschland neu produzierte Flasche besteht heute zu rund 60 Prozent aus Scherben. Bei einigen Farben beläuft sich dieser Anteil sogar auf bis zu 90 Prozent. Was dabei an Rohstoffen eingespart werden kann, ist imposant. Eine Tonne Altglas ersetzt etwa 700 Kilogramm Quarzsand, 190 Kilogramm Soda, 150 Kilogramm Kalkstein, 80 Kilogramm Dolomitstein sowie 50 Kilogramm Feldspat. Fazit: Konnten 1955 – in einer Zeit ohne Glasrecycling – aus einem Kilogramm Primärrohstoffe ganze zwei Flaschen produziert werden, so sind es heute zehn. Und ein weiteres Argument spricht für die permanente Wiederaufbereitung von Altglas: Sie reduziert den Aufwand an Schmelzenergie um mehr als zwanzig Prozent.

Das Einzugsgebiet von Velten umfasst insgesamt fast neun Millionen Menschen, denn nicht nur das Gros des Altglases aus Berlin und Umgebung, sondern auch aus großen Teilen Norddeutschlands wird in dieser im europäischen Maßstab hochleistungsfähigen Anlage verarbeitet.

Von der Anlieferung auf dem Hof des Geländes bis zum Abtransport des fertigen Granulats zur Glashütte nehmen Flaschen und Gläser den Weg über das Fließband: Zunächst wird das Altglas – noch von Menschenhand – von den gröbsten Fremdstoffen befreit, dann werden Flaschen und Gläser auf einer Reise über Förderbänder in mehreren Etagen gebrochen sowie mittels Magneten von Metall und durch Druckluftdüsen vom gelösten Etikettenpapier befreit. Infrarotkameras sortieren schließlich Fehlfarben aus und Siebe übernehmen die Trennung nach verschiedenen Korngrößen.

2009 wurden in Berlin 64.360 Tonnen Altglas gesammelt, pro Kopf waren das 18,6 Kilogramm – ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann, wie Rippchen betont. Allerdings mangele es noch zu häufig an Sorgfalt bei der Sammlung und Entsorgung. Nach wie vor muss in Velten viel Aufwand betrieben werden, um Fremdstoffe jeglicher Art – von Textilien über Metalle und Plastik – aus dem angelieferten Gut zu entfernen. Auch der Einwurf von nicht verwertbarem Glas, etwa von Ceranfeldern oder von Keramik in die Glassammeliglus, erschwert den technologisch ausgefeilten Verarbeitungsprozess. Hinzu kommt nicht zuletzt auch Gedankenlosigkeit, mit der trotz vorhandener Trennmöglichkeiten nach Farben Gläser und Flaschen beim Einwurf in die Iglus zu oft wahllos entsorgt werden. Da die Glashütten vor allem für die spätere Weißglasproduktion ein hochreines Granulat benötigen, sind dadurch in Velten Zusatzaufwendungen erforderlich, die die Effektivität des Glasrecyclings stark mindern.

Und noch einen weiteren Umstand sieht der Veltener Experte mit Besorgnis: Vor allem durch die Verdrängung zahlreicher Glasverpackungen durch Kunststoffflaschen geht das Altglasaufkommen stetig zurück. Wurden in Velten 1999 noch 302.000 Tonnen Glasbruch aufbereitet, sind es jetzt noch etwa 180.000 – eine Entwicklung, die schon deshalb ungesund ist, weil PET-Kunststoff ein direktes Erdölprodukt ist und im Unterschied zu Glas eben nicht endlos wiederverwendet werden kann.

Umweltbewusstsein, so bestätigt sich also auch in Velten, beginnt beim Einkauf und reicht bis zur Entsorgung von Altstoffen; zumal bei Glas – das vermag, in Gestalt neuer Produkte, sozusagen wie Phönix aus den Scherben aufzuerstehen.


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