Interview mit Prof. Dr. Faruk Şen

„Die türkische Wirtschaft wächst rasant“

Interseroh News sprach mit dem Türkei-Experten und Leiter des Zentrums für Türkeistudien (ZfT) an der Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Faruk Şen, über das beeindruckende Wirtschaftswachstum in der Türkei. Neben der Leitung des von ihm mitbegründeten ZfT ist der 1948 in Ankara geborene Şen Professor an der Universität Duisburg-Essen. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster, promovierte 1978, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg und hatte gleichzeitig einen Lehrauftrag an der Universität Bonn.
Interview mit Prof. Dr. Faruk Şen

22.02.2008 – Interseroh-News sprach mit dem Türkei-Experten und Leiter des Zentrums für Türkeistudien (ZfT) an der Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Faruk Şen, über das beeindruckende Wirtschaftswachstum in der Türkei. Neben der Leitung des von ihm mitbegründeten ZfT ist der 1948 in Ankara geborene Şen Professor an der Universität Duisburg-Essen. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster, promovierte 1978, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg und hatte gleichzeitig einen Lehrauftrag an der Universität Bonn.

Interseroh-News: Herr Professor Şen, das Wachstum der türkischen Volkswirtschaft war in den letzten Jahren beeindruckend. Worauf führen Sie den Boom zurück?
Prof. Dr. Faruk Şen: Die Türkei zeigt überzeugende Wirtschaftsdaten: Das Wirtschaftswachstum liegt seit 2004 zwischen sechs und zehn Prozent im Jahr. Die Staatsverschuldung wurde deutlich zurückgeführt. Dieser Kurs kann offenbar beibehalten werden, so dass es mit der Türkei wirtschaftlich weiter bergauf geht.

Verteilen sich Wachstum und Reichtum gleichmäßig über das Land?
Nein, in der Türkei mit ihren 74 Millionen Einwohnern ist doch noch ein deutliches Gefälle festzustellen. Die starken Wirtschaftszentren sind Istanbul mit 21,3 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP), Ankara (7,6 Prozent), Izmir (7,5 Prozent) und Kocaeli (5,1 Prozent). Zusammen erwirtschaften diese fünf Regionen 41,5 Prozent des türkischen BIP, bei einem Bevölkerungsanteil von 27,5 Prozent.
Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt beispielsweise in der wirtschaftlich erfolgreichen Region Kocaeli um 8.000 und im Südosten des Landes nur bei rund 900 US-Dollar. Die 20 Prozent der einkommensstärksten Haushalte hatten 2005 zusammen einen fast achtmal so hohen Anteil am verfügbaren gesamten Haushaltseinkommen wie das untere Fünftel. Im Vergleich zu Deutschland ist die Schere hier noch weit auseinandergedrückt.

Und wie steht es um die politische Stabilität? Sie ist einer der wichtigsten Faktoren für Investitionen.
Die Demokratie ist in der Türkei fest verankert. Das haben die letzten Wahlen nachdrücklich gezeigt. Die Wahlbeteiligung lag bei 84,3 Prozent, diesen Wert würden sich manche in West- und Mitteleuropa wünschen. 87 Prozent der abgegebenen Stimmen sind im Parlament vertreten. Damit ist der politische Wille des Volkes in hohem Maße repräsentiert.

Es gibt ja Bestrebungen für einen EU-Beitritt der Türkei. Wie sieht die Handelsbilanz der Türkei mit der Europäischen Union aus?
2006 wurden zwischen der EU und der Türkei Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 58 Milliarden Euro ausgetauscht, 56 Prozent der türkischen Exporte gehen in die EU. Der EU-Exportüberschuss betrug gut zehn Milliarden Euro, davon kommt rund die Hälfte aus Deutschland. Die Bundesrepublik ist mit 11,4 Prozent der wichtigste Absatzmarkt für türkische Exporte. Bei den Importen hat Russland aufgrund seiner Bedeutung als Energielieferant Deutschland inzwischen aber als Nummer Eins abgelöst.

Ist Umweltschutz in der Türkei ein großes Thema? Mit Blick auf eine EU-Mitgliedschaft gibt es doch Hürden auch in diesem Bereich.
Die Türkei als dynamisch wachsender Zukunftsmarkt benötigt ausländisches Know-how und Kapital, um Umweltinvestitionen tätigen zu können. In den nächsten Jahren sollen rund 350 Millionen Euro jährlich allein in die Abfallwirtschaft investiert werden. Eine ganze Reihe von Anforderungen der EU hat die Türkei aber schon jetzt umgesetzt. 3,3 Prozent des staatlichen Budgets gehen heute in den Umweltschutz, 2005 waren dies über drei Milliarden Euro. Hier muss sich die Türkei sicher nicht hinter anderen Ländern verstecken.


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