Türkei ist weltweit größter Importeur von Stahlschrott

Kein Bauboom ohne Stahlschrott

Die türkische Hafenstadt Izmir, Heimat von Homer, nennt sich stolz die Perle der Ägäis. Wer die Stadt auf langer, staubiger Straße verlässt, gelangt in ein Industriegebiet, in dem sich sechs der größten Stahlwerke des Landes hintereinanderreihen. Das ist die eher unbekannte Seite der Türkei: drittgrößter Stahlproduzent in Europa, größter Schrottimporteur der Welt.
Türkei ist weltweit größter Importeur von Stahlschrott

22.02.2008 – Die türkische Hafenstadt Izmir, Heimat von Homer, nennt sich stolz die Perle der Ägäis. Wer die Stadt auf langer, staubiger Straße verlässt, gelangt in ein Industriegebiet, in dem sich sechs der größten Stahlwerke des Landes hintereinanderreihen. Das ist die eher unbekannte Seite der Türkei: drittgrößter Stahlproduzent in Europa, größter Schrottimporteur der Welt.

Golfen in Belek, Mountainbiken im Anatolischen Gebirge, Wellness in der Heilquelle von Pamukkale: Der Tourismus ist in der Türkei einer der am rasantesten wachsenden Wirtschaftszweige. Auf der Fahrt entlang der türkischen Südküste von Antalya nach Side wird dies besonders deutlich. Dicht besiedelt war die Küste schon lange, mittlerweile aber reihen sich neue Hotels wie Perlen an einer Kette. Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen, obwohl in der Region Antalya bereits über eine Viertelmillion Hotelbetten stehen.

Von der Hochkonjunktur im Bausektor, die durch das Bevölkerungswachstum in der Türkei noch verstärkt wird, profitieren die Zulieferbranchen Zement, Dachsysteme, Baukeramik, Isolation, Farben und Baustahl. Auf 30 Prozent beziffert der Generalsekretär des Verbandes der Stahlproduzenten DCÜD, Veysel Yayan, das Wachstum der Branche im ersten Bauboomjahr 2005. Im darauf folgenden Jahr waren es noch mehr als elf Prozent. Auch in den arabischen Nachbarstaaten wird mit türkischem Stahl kräftig gebaut. Bekanntestes Beispiel für die gigantischen Projekte in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist Burj Dubai, der Turm von Dubai, der seit Mitte 2007 bereits als höchstes Gebäude der Welt gilt. Geplant ist eine endgültige Höhe von mindestens 700 Metern mit 154 Stockwerken.

Über 23 Millionen Tonnen Rohstahl werden derzeit jährlich in der Türkei erzeugt. Die Produktion des höherwertigen Flachstahls macht dabei lediglich drei Millionen Tonnen aus. Der Großteil ist Stab- oder Langstahl und Walzdraht, die überwiegend im Baubereich Verwendung finden. Produziert wird in drei integrierten Hüttenwerken und in 16 Ministahlwerken mit 28 Elektrostahlöfen, in denen aus Stahlschrott neuer Stahl erzeugt wird.

Die Türkei ist inzwischen der weltweit wichtigste Importeur von Stahlschrott. Professor Dr. Faruk Sen vom Zentrum für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen schätzt den Wert der Schrottimporte für 2006 auf 3,8 Milliarden US-Dollar: „Bei Stahlschrott gibt es in der Türkei zu wenig Abfall aus der Gebrauchsgüterproduktion, um die inländische Nachfrage zu decken. Deshalb wird das Land weiterhin einer der wichtigsten Abnehmer für ausländischen Stahlschrott bleiben.“ Zwischen 12,5 und 14,8 Millionen Tonnen schwanken je nach Quelle die Zahlen für den Schrottimport der Türkei im vorletzten Jahr, die Hälfte davon aus Europa und den USA, die andere Hälfte aus Russland, der Ukraine, Rumänien, dem Baltikum und von Mittelmeeranrainern.

Bis 2010 sind Investitionen von 5,5 Milliarden Euro geplant: zur Modernisierung der Stahlwerke, für den Umweltschutz sowie für Forschung und Entwicklung. Priorität hat die Umwandlung eines Teils der Stabstahlproduktion in Kapazitäten für flachgewalzte Erzeugnisse mit höherer Wertschöpfung. Denn: Während heute die lokale Erzeugung von Stabstahl nahezu die doppelte Höhe der inländischen Nachfrage ausmacht, deckt die Produktion von Flachstahl nur die Hälfte des einheimischen Bedarfs. Ein Ende der starken Nachfrage nach Baustahlmatten und Stahlträgern in der Türkei und im arabischen Raum ist jedoch nicht abzusehen.


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