Serie Berufe in der Abfallwirtschaft

09.09.2015 – Saugwagenfahrerin: „Ausgleichssport brauche ich nicht.“

Berufe in der Abfallwirtschaft: Marion Silbermann ist Saugwagenfahrerin bei ALBA – ein Knochenjob, vor dem selbst die meisten Männer zurückschrecken.
Serie Berufe in der Abfallwirtschaft

Saugwagenfahrerin: „Ausgleichssport brauche ich nicht.“

Katrin Rosik – Ein Berufsportrait in Zusammenarbeit mit RECYCLING magazin

09.09.2015 – Was nicht nur empfindlichen Menschen schnell auf den Magen schlägt, ist für Marion Silbermann Alltagsgeschäft: Die Saugwagenfahrerin der ALBA Nordbaden leert und reinigt Fettabscheider und Säuretanks im Akkord. Ein Knochenjob, vor dem sogar die meisten Männer zurückschrecken.

Ob bei Minusgraden oder in der schwülen Hitze dieses Sommers: Zuverlässig fährt Marion Silbermann mit dem Saugwagen der ALBA Nordbaden GmbH zu ihren Kunden, um vor Ort flüssige Sonderabfälle einzusammeln und die Behälter mit Hochdruckpistolen auszuspritzen. Die Aufgabe ist wahrlich nichts für Zartbesaitete. Mit schwerer, dichter Schutzkleidung ausgestattet, reinigt die 49-Jährige die übel riechenden Fettabscheider der Gastronomie ebenso wie Chemikalienlager der Industrie oder Tanks mit Bohremulsionen, teils knietief in dem dickflüssigen Material stehend. Mit dem langen Schlauch des 26-Tonnen-Spezialfahrzeugs saugt sie die Sonderabfälle aus den Bodengruben und sammelt sie im zehn Kubikmeter fassenden Kessel. Anschließend fährt sie das Material sicher zu Sonderabfallannahmestationen, wo es umweltgerecht entsorgt wird.

Nachwuchsfahrer sind schwer zu finden

Seit 16 Jahren ist Marion Silbermann bereits als Kraftfahrerin bei der ALBA Nordbaden im Einsatz, seit 2002 im Spezialgebiet fachgerechte Entsorgung flüssiger Sonderabfälle. Mit nur einem weiteren Kollegen teilt sie sich die zahlreichen Aufträge von Stamm- und Neukunden rund um Karlsruhe – bei Krankheit oder in Urlaubszeiten wird es deshalb schon einmal eng. Doch neue Saugwagenfahrer sind aufgrund der anspruchsvollen Arbeit nicht leicht zu finden. „Man wird dreckig, es stinkt, man muss Schwerstarbeit leisten“, erklärt Marion Silbermann. „Das Merkwürdige daran ist, dass mir der Beruf trotzdem Spaß macht. Ich kann nicht einmal sagen, warum. Ausgleichsport brauche ich jedenfalls keinen mehr.“ Um die körperliche Belastung möglichst gering zu halten, greift die Saugwagenfahrerin zusammen mit ihrem Kollegen auf verschiedene Hilfsmittel zurück, darunter Seile und Kettenzüge, mit denen die Schächte geöffnet und der schwere Schlauch bewegt werden können. Andernfalls geht die Arbeit zu sehr auf den Rücken, sagt die Hobby-Motorradfahrerin. „Ich will den Job ja noch ein paar Jahre ausüben können.“

Klassische Männerdomäne

Der Werdegang von Marion Silbermann, Mutter einer inzwischen 25-jährigen Tochter, ist ebenso ungewöhnlich wie ihr Beruf. Zunächst als gelernte Radio- und Fernsehtechnikerin tätig, konnte sich die junge Frau nie so recht für ihren Job begeistern. Technik, sagt sie, sei einfach nicht ihr Ding. Nach Abschluss der Elternzeit erhielt die junge Mutter keine Folgeanstellung: „Bei Radio und Fernsehen verändert sich in kurzer Zeit technisch sehr viel, da war ich ruckzuck draußen.“ Kurzerhand ergriff sie die Gelegenheit und schulte um auf ihren Traumberuf: Lkw-Fahrerin.

Doch auch hier hatte Marion Silbermann anfangs Schwierigkeiten, eine Anstellung zu finden. Vielfach traf sie auf Vorurteile gegenüber Frauen in der „klassischen“ Männerdomäne. „Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich den Satz gehört habe: ‚Wir suchen zwar Fahrer, aber keine Frauen.’ Daran bin ich fast verzweifelt“, erinnert sich Marion Silbermann. Schließlich stellte sie der Deutsche Paketdienst als Hofrangiererin an. Dort sei endlich ihre Fähigkeit als Fahrerin entscheidend gewesen.

An die Erfahrung als Rangierfahrerin konnte sie 1999 anknüpfen, als die damals 33-Jährige bei der ALBA Nordbaden GmbH als Kraftfahrerin eingestellt wurde. 2002 schließlich suchte der Disponent in der Sondermüllabteilung Verstärkung – und Marion Silbermann war zur Stelle. „Zunächst fuhr ich dort Tankwagen und Altölwagen, aber das steigerte sich langsam immer weiter.“ Probleme als einzige Frau in ihrem Spezialgebiet hatte Marion Silbermann bei ALBA in Karlsruhe von Anfang an nicht. „Ich glaube, meine Kollegen sehen mich gar nicht so sehr als Frau, sondern vielmehr als Kollegen. Und das bin ich ja auch“, sagt sie.

Sicherheit geht vor

Heute kann Marion Silbermann das Material, das sie entsorgen soll, teilweise bereits am Geruch erkennen, in anderen Fällen hilft eine PH-Wert-Messung. Insbesondere wenn der Abfall nicht korrekt oder eindeutig deklariert wird, können diese beiden Prüfungen entscheidend sein. Einmal führte eine falsche Material-Angabe des Kunden fast zur Katastrophe: „Beim Reinigen eines Tanks ist mir säurebelastetes Wasser an die Hose gespritzt. Die Säure fraß sich durch den Stoff in die Haut hinein und verätzte mir beide Beine.“ Seit ihre Wunden verheilt sind, achtet die Sonderabfall-Expertin besonders akribisch auf die Sicherheitsmaßnahmen. Ihre Devise lautet „Lieber einmal zu oft den Schutzanzug tragen als einmal zu wenig“. Das gleiche Maß an Sorgfalt setzt sie auch am Saugwagen selbst an: „Wenn das Risiko besteht, dass die Stoffe eine gefährliche chemische Reaktion im Kessel auslösen könnten, muss ich den Auftrag ablehnen“, erklärt sie. Zudem gilt es täglich die Ausrüstung sowie die Ausschilderung des Fahrzeugs zu prüfen.

Jeder Saugwagen ein Einzelstück

Keine Frage: Nach 13 Jahren fühlt sich Marion Silbermann im Sonderabfallbereich zuhause. Vor allem die vielseitigen Aufträge und der selbstbestimmte Alltag liefern einen Gegenwert für die harte körperliche Arbeit. Fast schon liebevoll spricht die Kraftfahrerin über ihr Saugfahrzeug: „Auch wenn sie einander von außen ähneln: Jeder Saugwagen ist ein in der Werkstatt maßgefertigtes Einzelstück.“ Ihre Stammkunden schätzen die Kompetenz und Zuverlässigkeit der Abfallexpertin. Und wenn sich doch einmal ein Neukunde irritiert zeigt, nimmt es die Abfallexpertin gelassen. Eine Frau am Saugwagen, weiß sie, ist nun mal etwas Ungewöhnliches. Ihren heutigen Job in der Abfallwirtschaft konnte Marion Silbermann zwar nicht vorhersehen, doch sie ist stolz darauf, ihrem beruflichen Traum gefolgt zu sein. „Das Lustige ist, dass meine Tochter mir beruflich überhaupt nicht nacheifert. Sie ist ganz klassisch Erzieherin geworden“, sagt Marion Silbermann lächelnd. Und sie bewundert ihre Tochter dafür. Es den ganzen Tag mit kleinen Kindern auszuhalten – dafür würden der Hobby-Motorradfahrerin die Nerven fehlen. (KR)

Erschienen in der aktuellen Ausgabe des RECYCLING magazins.

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(Foto: ALBA Group/Andreas Mauritz)


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